Punkrock und Liebe

(Salta/Argentinien). Wir befinden uns also mittendrin in der Fußball-WM. Ganz klar, dass wir jetzt nur noch in so genannten „Zeitfenstern“ reisen können. Die Spiele Serbien – Holland (0:1), Mexiko – Iran (3-1) und Angola – Portugal (0-1) ist so eine Möglichkeit, auch mal wieder einen Bus zu besteigen, ohne Angst zu haben irgendetwas zu verpassen. Keine Angst (!). Die wichtigsten Szenen werden auch hier in Argentinien rund um die Uhr in diversen Kanälen wiederholt.


Salta ist wirklich schön, mit richtigen Touristen und Backpackern, sehenwerter Architektur und einer spannenden Kneipenmeile. Als wir die vielen Pubs sehen, an denen noch die Schilder hängen „Argentinien gegen Elfenbeinküste mit Livemusik und Grossbildleinwand“ bin ich schon ein bisschen traurig, dass wir nicht schon gestern hier waren.


Auf dem Weg ins Hostal kommen wir an einem Schuppen vorbei, aus dem krachige Livemusik schallt. Obwohl wir einen ruhigen Abend geplant hatten, müssen wir dort hinein. Punkrock ist unsere gemeinsame Musik. Nach einem „Lag Wagon“ Konzert in Mannheim hatte ich „my brown eyed girl“ das erste Mal hemmungslos geküsst.



Die hiesige Band kann geradeso drei Akkorde spielen, der Sound ist räudig, die Texte kaum zu verstehen und außer uns hängen hier nur 16-jährige herum. Wir stellen uns vor die Bühne und wackeln mit dem Hintern. Der Sänger und einige Zuschauer tragen Tote Hosen T-Shirts und plötzlich verstehen wir auch warum. Sie beginnen, Songs der Düsseldorfer zu covern. „Los Pantalones Muertes“ (Die Toten Hosen), brüllt der Frontmann ins Mikro und gibt plötzlich richtig Gas. Das scheint das Codewort gewesen zu sein, denn auf der Tanzfläche gibt es nun kein Halten mehr. Wir wissen natürlich längst, dass Punk in Argentinien schwer angesagt ist, aber, dass die Leute hier derart krass ausflippen, ist uns neu. Sie brüllen und pogen, wie ich es selten erlebt habe und wir stehen mittendrin. Die Refrains ertönen aus heiseren Kehlen und klingen in dem kleinen Saal, wie ein wütender Schrei.


 

Nach drei Liedern spüre ich, dass ich langsam zu alt für so einen Scheiß werde. Mein T-Shirt ist klitschnass und an den Schienenbeinen spüre ich schon jetzt die blauen Flecken von morgen. Keuchend laufe ich zur Bar, um uns dann doch mal ein Bier zu besorgen. Der Tresentyp schaut mich an, als ob ich ihn verarschen will und zeigt auf Cola, 7up und Wasser. Kurz überlege ich, was ich falsch gemacht habe, oder ob ich gar „zu jung“ aussehe. Gleichzeitig schaue ich mich im Raum etwas genauer um. Das Ambiente entspricht eigentlich eher dem einer Schuldisko. Junge Mädchen und die Streber sitzen eingeschüchtert in der Ecke auf Holzstühlen. Nur die ultracoolen Jungs mit Irokesen-Schnitten und zerrissenen Jeans duellieren sich vor der Bühne, strecken die Fäuste in die Luft und brüllen die Texte mit. Im Klo werden mir endgültig die Augen geöffnet. Fünf Kids stehen am Waschbecken und lassen lachend eine Flasche Hochprozentigen kreisen. Das ist eine Schuldisko! Dankend lehne ich die mir gereichte Pulle ab und bringe Sylvie eine Cola. „Bist du bescheuert oder was? War doch nur ein Scherz mit dem alkfreien Tag!“ Ich lächele sie an und weiß wieder einmal, dass sie genau die Richtige ist.


Die letzte Zugabe. Ich kann eigentlich nicht mehr, doch Sylvie stürmt bereits nach vorn. Sie spielen das Lied der Lieder. Wir hatten es in den letzten Wochen hunderte Male gehört. Es hatte uns regelrecht verfolgt und dennoch konnten wir nicht genug davon bekommen. Quilmes, Argentiniens bekannteste Biermarke, hatte als Sponsor der „Selección“ einen außergewöhnlichen WM-Werbespot gedreht. Das Video zeigt mit welcher Hingabe und Leidenschaft die Argies den Fußball zelebrieren, wie sehr sie an große Erfolge anknüpfen wollen und den Titel herbeisehnen. Das Besondere: die Bilder von jubelnden Fans und Ausschnitten wichtiger Spiele sind mit einem Punksong von „Attaque 77“ unterlegt. Ein ganzes Land berauscht sich seit Tagen an „No me arrepiento de este amor“. Was für ein geiler Werbespot für ein Bier. Durst! Laut schreiend springe ich in den Pulk der tobenden Massen. Links neben mir, versucht sich Sylvie auf den Beinen zu halten. Ich höre es nur Krachen und sehe, wie ein Ellenbogen von meiner Nase zurückfedert. Voll gepumpt mit Adrenalin verspüre ich keinerlei Schmerz. Doch ein Typ zieht mich von der Tanzfläche und deutet mit sorgenvoller Miene auf mein Gesicht. Nun sehe ich es auch. In weinroten Fontänen kommt mir das Blut aus der Nase geschossen. Mein Shirt, die Hose und sogar meine Schuhe sind schon eingesaut. Vor dem Spiegel im Klo kann ich nicht erkennen, ob etwas gebrochen ist, denn mein Zinken ist bereits auf Kartoffelgröße angeschwollen. Ich reinige mein verschmiertes Gesicht und stopfe mir Papierfetzen in die Löcher.


Draußen wartet die besorgte Sylvie. Erst auf dem Heimweg erfahre ich, dass auch sie sich den Knöchel verstaucht hatte. Wie ein gerade überfallenes Rentnerehepaar stolpern wir durch die einsamen Straßen. Es gibt jetzt keine geöffneten Tank- und Spätverkaufstellen mehr. Kein kühlendes Quilmes-Bier. Ich lege ihren Arm auf meine Schulter, um sie ein wenig zu stützen. Sie lächelt mich dankbar an und tupft meine Nase sauber. ‚No me arrepiento de este amor’, denke ich gerührt und flüstere ihr die Übersetzung ins Ohr: „Ich bereue diese Liebe nicht!“

"Ich bereue diese Liebe nicht
auch wenn es mich mein Herz kostet
lieben ist ein Wunder, und ich hab dich geliebt
wie ich es mir nie vorgestellt hatte

Ich versuche deiner Haut zu widerstehn
deinem Blick, deinem ganzen Sein
und ich fühle wie das Leben uns davonläuft
und dass der heutige Tag nicht mehr wiederkommt

Doch wenn die Türen erst geschlossen sind
wartet das Bett leer
auf die verrückte Leidenschaft der Liebe

Und während wir sagen "ich liebe Dich"
steigen wir immer höher zum Himmel hinauf
und ich kann diese Liebe einfach nicht bereuen."

 Ich liebe Dich Sylvie!!!

 

11.6.06 18:49

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